“Tessiner Zeitung” del 6 aprile 2018
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Das erste und bislang einzige Tessiner Geburtshaus liegt in einem ruhigen Wohnquartier in Lugano Besso, direkt gegenüber des Radiosenders RSI.
Nichts deutet darauf hin, dass in diesem fünfstöckigen Wohnhaus in den letzten vier Jahren 57 Kinder das Licht der Welt erblickt haben. Ausser einem pastellfarbigen, quadratischen Aufkleber am Briefkasten mit der Aufschrift “lediecilune” (die zehn Monde), dem Namen des  Geburtshauses. “Jedes Mal, wenn ein Kind auf die Welt kommt, stellen wir einen Storch an den Eingang”, sagt Hebamme Anna Fossati, die im Trio mit Giovanna Quadri und Maike Hofstede zu den Vorkämpferinnen der ersten Stunde gehört. Die Nachbarn seien nett und verständnisvoll, meint sie, obwohl es, vor allem nachts, durchaus mal laut zu und her gehen könne, wenn sich ein neuer Erdenbürger den Weg in die Welt verschafft.

Das Geburtshaus ist eine gewöhnliche Wohnung, und doch ist hier alles anders, kaum hat man einen  Fuss über die Türschwelle gesetzt. Im Eingang befindet sich eine Garderobe, Finken stehen für die Gäste bereit. Man fühlt sich auf Anhieb zuhause. Geburtskärtli hängen in allen Räumen. Statuen von schwangeren Frauen und Kerzen finden sich überall. Auf eine ruhige, entspannte Atmosphäre wird viel Wert gelegt. Im Korridor hängen selbstgemachte Babyartikel, Schmusetiere, Baumwollkäppchen und Stillketten zum Verkauf. In einem grossen Saal
mit dünnen blauen Matten und bordeaux-farbenen Meditationssesseln finden die Aktivitäten statt, die  von den Hebammen angeboten werden: Geburtsvorbereitungskurse, Beckenbodentraining, Babymassage, wöchentliche Treffen mit frischgebackenen Müttern und ihren Babys oder Themenabende. Am Holztisch versammelt man sich zum Gespräch bei einer duftenden Tasse Tee. In der Wohnung gibt es weiter ein WC mit Dusche, ein Büro, eine weissgekachelte Küche, ein Badezimmer mit Wanne sowie drei Zimmer, eines davon für die  Schwangerschaftsuntersuchungen mit Liege und Holztisch und eines für die Nachgeburtsphase mit einem roten Bettsofa, einer aus Weiden geflochtenen Krippe und einem Wickeltisch. Das Herzstück ist, wie kann es denn auch anders sein, das Geburtszimmer. Dieses könnte man glatt mit einem gewöhnlichen Schlafzimmerverwechseln, ständen da nicht eine grosse, aufblasbare Wanne mitten im Raum und ein Wehenmesser und ein Sauerstoffgerät gut versteckt hinter der Tür. “Lustigerweise kommt das Bett kaum je in Einsatz”, lacht Anna Fossati.

So sicher wie im Spital

Nach der Geburt bekochen die Hebammen die frischgebackenen Eltern, denn diese dürfen die ersten 24 Stunden im Geburtshaus bleiben, bevor sie mit ihrem frischgeborenen Sprössling den Heimweg antreten. Wer sich für eine Geburtshausgeburt entscheidet, wird vom Umfeld oft kritisiert: Zu wenig sicher, lautet das Hauptargument. “Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass in normalen Fällen die Sicherheit jener im Spital gleichgesetzt ist oder diese sogar übertrifft”, sagt Anna Fossati. Sie hätten eine Vereinbarung mit dem Ospedale Civico, dem jede  beginnende Geburt gemeldet werde. Bei Komplikationen, zum Beispiel wenn sich trotz Wehen der Muttermund nicht weiter öffnet oder die Frau nach einer Peridualanästhesie (PDA, Rückenspritze, um ab Hüfthöhe keine Schmerzen mehr zu spüren) verlangt, wird die Gebärende ins Spital überführt: “Das betrifft etwa 20 Prozent der Frauen, wovon nur 10 Prozent aller Fälle als echte Komplikationen bezeichnet werden können.” Die meisten würden im Spital trotzdem spontan gebären.
Dem Wehenschmerz wirken die Geburtshaushebammen mit Homöopathie, Massagen oder Aromatherapie entgegen. Sie wollen eine andere, naturnahe Geburtskultur verbreiten. Ab der 37. Schwangerschaftswoche sind sie auf Pikett, also 24 Stunden am Tag erreichbar. Zur Geburt
selber kommt eine zweite Hebamme hinzu. Die Kosten übernimmt die Krankenkasse, die Eltern  bezahlen eine Pauschale von 600.– Franken für die Geburtszimmerbenutzung. Für die Hebammen ist es ein idealistischer Job, der durch den vielen Pikettdienst wegen anstehender Geburten kaum ein erfüllendes Privatleben zulässt. Dazu kommt die Tatsache, dass freischaffende Hebammen im Gegensatz zu Spitalhebammen weniger verdienen.

Gebären in Vertrautheit

Die 31-jährige Heilpraktikerin Tanja und ihr 34- jähriger Partner Alain aus San Bernardino haben entschieden, dass ihr Kind im Geburtshaus zur Welt kommen soll. “Ich wollte so natürlich wie möglich gebären, an einem Ort, wo man mich kennt. Nicht in einem unpersönlichen, kalten Gebärsaal”, sagt Tanja. Sie suchte nach einem Geburtshaus in der Deutschschweiz, bis ihr eine Freundin von der Casa Nascita in Lugano erzählte. “Da war für mich der Fall klar.” Ihr Mann Alain unterstützt sie in diesem Unterfangen und erinnert sich: “Zuerst war ich weder dafür noch dagegen.
Ich brauchte Sicherheit.” Als sie das Geburtshaus besichtigten und Anna begegneten, war auch er änzlich überzeugt. “Man wird empfangen, wie wenn man zuhause wäre”, schwärmt er. Ihr Umfeld indes war skeptisch, vor allem, weil Alains Mutter traumatische Geburten erlebt hatte. “Die Familie hatte Angst, dass etwas passieren könnte. Aber Anna vermittelte uns Sicherheit.” Und so konnten sie ihre Entscheidung auch gegenüber den Familien vertreten. Bevor sie den Geburtsvorbereitungskurs im Geburtshaus besuchten, hatten sich die 30-jährige Chiara und ihr Partner Alessandro (35) aus Giubiasco noch keine Gedanken darüber gemacht, wo ihre mittlerweile anderthalbjährige Tochter Lena zur Welt kommen sollte: “Als wir mit Anna die Gebärabteilung im Spital besichtigten und wir die beiden Orte verglichen, fiel die Entscheidung aufs
Geburtshaus”, sagt Chiara. Sie schätzte es, vertraute Personen um sich zu wissen und dass ihr Partner eine aktive Rolle übernehmen konnte. “Für mich war es eine freudvolle, natürliche und positive Erfahrung”, ergänzt Alessandro. “Wir blieben zu dritt im Bett bis zum nächsten Morgen, und fühlten uns nie alleine gelassen.” Bald steht die zweite Geburt an, natürlich wieder in der “Casa Nascita”. Delta Geiler Caroli hat vor sechs Jahren zusammen mit einer Hebamme, einer Doula und einem Elternpaar den Verein “Associazione Nascere Bene Ticino” ins Leben gerufen und kämpfte zusammen mit den Hebammen und zwei Freundinnen an vorderster Front für die Eröffnung des Tessiner Geburtshauses. it dem Verein möchte sie informieren und die Eltern unterstützen, aber auch dem Gesundheitswesen Druck machen und die öffentliche Meinung in Bezug auf die physiologische Geburt sensibilisieren. Als ehemalige Journalistin der RSI hat sie die geeigneten Mittel dafür. An einer von Doulas organisierten Veranstaltung sammelte sie kurzerhand Unterschriften,um einen Verein zu gründen. Nach der Gründerversammlung schaltete sie eine Homepage auf und stellte diverse Artikel zum Thema hinein. Mittlerweile zählt der Verein 200 Mitglieder, sowohl frischgebackene Eltern als auch in der Geburtshilfe tätige Berufsleute.
Aufruf von Delta Geiler: “Wir suchen eine grössere Unterkunft, am liebsten ein leerstehendes Einfamilienhaus, in der Nähe des Ospedale Civico Lugano”.